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Zwischen Rettungsgassen und Tomatensuppe

Aktualisiert: 27. März 2023

Theatralische Szenen spielten sich jüngst sowohl in der Wolfsburger Autostadt, als auch in der BMW Welt in München ab. Scientist Rebellion – eine Gruppe von Wissenschaftlern die für sich zu dem Schluss kam durch emotionale Symbolik gegen den Klimawandel mehr abliefern zu können, als durch die Ausübung ihrer Fachgebiete – fordern lautstark ein Tempolimit und die Rückkehr zum Neun Euro Ticket. Schmierige Solidaritätsbekunden unter schalem Gewissen leidender, kurzstreckenfliegender und seit Jahren Fleischverzicht ankündigender Promis sowie groteske Gewaltandrohung verlorener Telegramm Politologen folgen auf Tritt. Und während es in Berlin nun tatsächlich zur lange angekündigten Störung eines Rettungseinsatzes kam – von “der Letzten Generation" billigend in Kauf genommen und mit labbrigem Statement abgetan – diskutiert Twitter ob die Aktivisten oder der verkehrsbehinderte deutsche Autofahrer, in seiner etablierten Unfähigkeit der Bildung einer Rettungsgasse, nun Schuld an der Verzögerung trägt. Deutscher geht es mal wieder nicht. Und was für eine Diskussion überhaupt. Nach einer halben Sekunde intensiver Kopfarbeit kann es nur eine Antwort geben: NATÜRLICH BEIDE!

Auch wenn sie selbst nicht daran glauben, erhofft sich die “Letzte Generation“ , genauso wie die abtrünnigen Wissenschaftlerinnen, durch ihren Ungehorsam ein Tempolimit und das Billo-Ticket für die Bahn erpressen zu können. Dagegen scheint die Forderung der Umweltgruppe “Just stop Oil“ sofort sämtliche neuen Projekte Fossiler Energien zu stoppen tatsächlich etwas zielführender. Da die Premierminister-Situation der Briten aktuell etwas unübersichtlich ist, scheint es hier allerdings mehr an der Adressierung und weniger an der Ergiebigkeit des Ansinnen zu kranken, während in Londons National Gallery lieblos und industriell pürierte Heinz Tomatencreme Suppe völlig umsonst gegen das Schutzglas vor van Goghs “Sonnenblumen“ klatscht. Dabei sind die impulsiven Ohnmachtsreaktionen der Aktivisten durchaus nachvollziehbar. Denn um den Klimawandel aufzuhalten bedarf es bekanntlich die gesamte und geeinigte Menschheit. Nur im Kollektiv zu stemmen. Und wo deutsche Wohnungseigentümer-Gesellschaften bereits an Fragen der Treppenhausreinigungsfrequenz krachend scheitern, bombardiert der Psycho aus Moskau weiterhin unbehelligt das Kernkraftwerk in Saporischschja. Unterdessen wurde in Brasilien soeben der Schlächter des Regenwaldes nur um Haaresbreite an seiner zweiten Amtszeit gehindert. Was gut ist. Doch anders ausgedrückt wären über 58 Millionen Brasilianer durchaus damit zurechtgekommen, wenn Bolsonaro weiterhin Gulasch aus dem Amazonasgebiet fabrizieren würde. Genauso wie 63 Millionen Amerikaner einst Trump zum Präsidenten machte, welcher sich direkt aus dem Pariser Klimaabkommen verabschiedete. Die Ohnmacht ist also verständlich. Auch mir fehlt aktuell jegliche Phantasie wie der Klimawandel eines Tages durch ein Menschheitskollektiv gestoppt werden soll. Insofern hoffe ich, dass weltweit genügend Wissenschaftler dem emotionalen Griff zum Patex-Fläschen widerstehen können und sich stattdessen ganz sachlich in die Forschung stürzen.

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