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Idealbilder im Fahrzeugdesign

Während der Menschheitskomplex seit Jahren darum ringt toxische Idealbilder des menschlichen Körpers aus den Köpfen der Gesellschaft zu verbannen, scheint die Welt des Automobils der neuen Zwanziger nahezu frei von Bodyshaming und Diskriminierung optisch benachteiligter Zeitgenossen. Das war nicht immer so. Noch in den Siebzigern zwinkerten beispielsweise Fiat X1/9 oder Opel GT stets adrett aus verführerischen Schlafaugen und wurden dabei gemeinhin auf überschlanke und freizügig klare Linienführung oder gar die betörende Form des legendären Bochumer Coke-Bottle Hüftschwungs reduziert. Von expressiven Salonlöwinnen und faszinierten Lebemännern in der Glut ihrer Ekstase in den Grenzbereich getrieben, verzehrte sich das gemeine Deutschland – nach Dekaden des Verzichts und beflügelt von den Jahren des Wirtschaftswunders – nach Schönheit, Harmonie und Glückseligkeit. Fünzig Jahre später scheint alles anders. Eine satte und gelangweilte Gesellschaft launischer Sandalen-Germanen besteht in den grimmig dreinschauenden Sports Activity Vans idealisierter Premiumhersteller bis aufs Äußerste darauf Vorfahrt zu haben und prüft akribisch Spaltmaß und Garantieanspruch knapp zwei Tonnen schwerer sogenannter Kompakt SUVs. Wo eine aufstrebende Generation ihre Kriegstraumata einst mit freundlichen Rundscheinwerfern, harmonischem Chromzierrat und verbindlichem Hubraum überspielte, stehen deren Kinder und Kindeskinder heute selbstbewusst zu Übergröße und Anomalie ihrer niedrigzylindrigen Fortbewegungsmittel. Das einheitlich schlecht gelaunt bis aggressive Antlitz der Fahrzeugfronten wird dabei nicht etwa aus purer Barmherzigkeit toleriert, sondern ist regelrecht erwünscht. Täuscht es doch genauso erfolgreich über die einstigen und längst fehlenden Tugenden des Automobilbaus hinweg, wie auch ihre irreführenden bis abgehobenen Modellbezeichnungen. Wo der Höhepunkt des linearen gesellschaftlichen Aufstiegs der Elterngeneration schließlich durch den hochlgänzenden Chromschriftzug eines bar bezahlten 635i klar und aussagekräftig illustriert wurde, verschleiert ein Audi Q3 Sportback 45 TFSI e² zum Vorteilsleasing mit KFW Innovationsprämie durch in beschichteten Kunstoffguss manifestierten Heckklappen-Chantalismus nicht nur gekonnt fehlendes Zylindervolumen sondern zumeist auch das fristende Dasein nüchterner Sachbearbeitende. Wo die dynamische Länge und schlanke Eleganz vormaliger Jaguar XJ Limousinen den Höhepunkt der Begierde verkörperten und selbst ein S-Klasse Coupé zwar durch faktische Größe beeindruckte, seinen trainierten Waschbrettbauch unter den Sacco-Brettern jedoch zu keiner Zeit verbarg, sind heute fleischig dralle Rundungen allgegenwärtig. Von Finanzwelt bis Sperrbezirk wird das sogenannte SUV Coupé gefahren und stellt als klebrige Cocktailkirsche in einem opulenten Mix der Mobilität den überzuckerten Höhepunkt dar. Die Aussicht auf die näher rückende Elektromobilität prohezeit: Aufgrund aufwändiger Sandwichböden, die vor allem die großen Akkus aufnehmen müssen, werden die Autos künftig höher. Mercedes Design Chef Gordon Wegener hält daher das klassiche Limousinen Design für tot und präsentierte jüngst stolz den EQE – die E-Klasse des Elektro-Zeitalters. Er selbst hält das Modell für "gestreckt und stylisch" und hat dabei offenbar niemand in seinen Kreisen, der sich traut es ihm zu sagen... In Zeiten in denen die nachrückende Generation sich verständlicherweise zunehmend vom Automobil abwendet und in urbanen Ballungsgebieten längst zum Kampf um knappen Raum aufgeheizt wird, wäre es an der Zeit die Akzeptanz unserer Gesellschaft in Bezug auf Adipositas und optischen Zorn des Automobils auf den Prüfstand zu legen und freigewordene Toleranz stattdessen untereinerander walten zu lassen. Die Autobauer sollten dagegen ihre Modelle wieder auf Charme und Grazilität trimmen und so einen Teil dazu beitragen die Wogen der Mobiltätswende zu glätten.

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