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Die Sache mit den E-Fuels

Aktualisiert: 7. Dez. 2023

Wer die Headlines der letzten Tage überflogen hat, bekommt schnell den Eindruck, dass Bundesverkehrsminister Volker Wissing das geplante Verbrennerverbot der EU ab 2035, in einem Akt der bedingungslosen Ideologie durch einen bösartigen Kamikaze-Alleingang völlig alleine gekippt hat. Und Tastatur-Deutschland – seit Wochen bereits warmgelaufen – dreht unmittelbar durch. Als wären die 90er und die Schadstoffklasse 1 nun zurück, schicken sich Ingo und Jürgen verstörende Victory-GIFs in ihren Facebook Gruppen hin und her, und lassen dabei außer Acht, dass ihnen vom Familienrat 2035 bestenfalls noch Schaukelstuhl und Fernbedienung, keinesfalls aber der Autoschlüssel überlassen wird.

In den gentrifizierten Innenstadtvierteln dagegen sitzen Clara und Laurenz mit dem Fahrradhelm auf dem Kopf vorm MacBook Air und twittern #wissingruecktritt, weil sie allen Ernstes der Meinung sind den Fortschritt des “Power to Fuel“ Prozesses über ein Jahrzehnt im Voraus bewerten zu können, und heute bereits wissen, dass der Entwicklungsstand synthetischer Kraftstoffe auch in zwölf Jahren keinen zusätzlichen Beitrag in Richtung Co2 Neutralität leisten wird. Und weil sie offenbar denken, dass über 50 Millionen Verbrenner PKW alleine in Deutschland ab 2035 dann einfach stehen bleiben werden.

Wenn es heute bereits eine Technologie gibt, diese Fahrzeuge künftig emissionslos weiterzubetreiben, sollten wir dann politisch de facto verbieten sie weiterzuentwickeln? Und wenn wir das täten, würde dann nicht vielleicht auch ein Fünkchen Ideologie dahinter stecken? Empörte Scene-Kiez Bewohner machen gerne den Straßenverkehr für den Schiefstand ihrer seelische Gesundheit verantwortlich. Aber sind denn wirklich immer alle anderen Schuld, wenn Arbeitende ohne Homeoffice-Regelung irgendwann auch mal auf die Hupe drücken, während Lukas-Fynn beim Rangieren mit Muttis Dacia, ein größeres Verkehrschaos fabriziert, als die Letzte Generation beim Klimaprotest? Bloß weil er halt nie Bock hatte rückwärts einparken zu lernen und sich Opas kultiger Eckschrank jetzt aber schwer mit dem Lastenrad in die Altbauwohnung des Freiberuflers transportieren lässt. Innenstadtleben bedeutet eben nicht nur hippe Second Hand Klamotten Märkte und angesagte Straßen-Café Idylle, sondern auch Individualmobilität für Menschen mit Stempelkarte und Schichtdienst.

Das Wort "Technologieoffenheit" erzeugt inzwischen mehr Empörung als das Wirken des Kardinal Woelki. Und nur weil sich Meike vor vier Jahren mal bei der Müllsammelaktion der Schule ihrer Kinder beteiligte, fühlt sie sich noch heute dazu berufen, auf dem Besucherparkbereich jeden PKW Nutzer mit einem verächtlichen Blick zu bedenken, während sie den Jüngsten in den Fahrradanhänger hievt. So tut eben jede was sie kann.

Doch bevor es gleich den billigen Applaus vom Stammtisch hagelt: Macht euch endlich bewusst, dass die Zeiten längst vorbei sind in denen BMW ab 2 Liter Hubraum für jedermann einen kernigen Sechszylinder im Portfolio führt, oder ein C63 AMG mehr Zündkerzen als Endrohre besitzt. Da ändern auch die E-Fuels nichts. Verbrenner im Jahr 2023 bedeuten im Regelfall blutleere Downsizing Dreizylinder die unbeholfen im Magermix in butterweichen Aufhängungen zappeln und jenseits der 20tkm jeden Lastwechsel zum kleinen devoten Abenteuer für alle Fahrzeuginsassen macht. In Kombination mit einem anatomisch benachteiligten Außendesign und dem Hubraum eines Polos der 90er, wirklich kein Grund nun großartig Bandit Darville oder Thomas Magnum Energie spreaden zu wollen. Wer Wert auf Laufkultur und Fahrspaß legt, sollte sich einfach ein Elektroauto kaufen. Zumindest wenn die Eier für einen Jaguar XJS oder einen Opel Manta fehlen.

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